Donnerstag, 1. Dezember 2011

Wir trauern um Christa Wolf

Die große deutsche Schriftstellerin ist heute im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.

Geboren in Polen, geflohen und aufgewachsen im von einer Mauer geteilten Deutschland, ein deutsches Leben, aber eben eines, das bis 1989 im Osten gelebt wurde. Sie hat es beschrieben im "Kindheitsmuster", einem Roman, der in der DDR mit dem Tabu brach, dass nicht über Flucht und Vertreibung der Deutschen berichtet wurde. 1961 in ihrer "Moskauer Novelle" ist sie noch begeistert in die Zukunft eines sozialistischen Staates aufgebrochen, noch glaubend, er werde ihre Utopie verwirklichen. Nie hat sie die Wahrheit behauptet, immer hat sie sie gesucht, und nie war sei einfach oder in einem Satz zu sagen. Sie wollte der DDR nicht den Rücken kehren, doch im Lauf der Jahre klafften Utopie und Realität immer weiter auseinander. Christa Wolf hat ihr Leben und Schreiben lang die Nachdenklichkeit, die Offenheit, Vertrauen und Respekt vor dem Individuum der Realität entgegengesetzt, die auf funktionierende Menschen, auf Technokraten und Automatismen setzte, in West wie Ost. Sie hat feministische Konzepte gegen die kriegstreiberischen der Politiker und Funktionäre gesetzt. Ihre Protagonistinnen litten an Gefühlskälte, Grausamkeit und Herrschaftsstrukturen, entlarvten Männer und patriarchalische Gesellschaften als technokratisch, dämagogisch und dem Automatismus von Machtspielen ausgeliefert. Sie war eine zurückhaltende, fast scheue Frau, die viel wusste, aber niemals alles besser wusste.
Christine Lehmann

Imre Török, Bundesvorsitzender des VS, schrieb anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises im vergangenen Jahr: »Ich freue mich sehr, dass Dein Werk, das Du zuletzt mit Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud so erfolgreich fortgesetzt hast, eine angemessene Würdigung findet.« Der VS schätze Christa Wolf, so Török weiter, als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr Renommee, ihr gesellschaftliches und kritisches Engagement habe nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit unserer Sprache und unserem Land Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft. Ausdrücklich bedankte sich Imre Török auch dafür, dass sich Christa Wolf mit ihrer Literatur stets eingebracht habe in die Auseinandersetzungen der Zeit, dass sie sich kritisch und selbstkritisch engagiert und als großartige Literatin im Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern ihrer politischen Verantwortung für eine humane Gesellschaft nachkomme. »Wir, Deine Kolleginnen und Kollegen im VS«, schloss Török, »wünschen, dass uns Dein kritischer Geist, Dein künstlerischer Schaffensdrang weiterhin wachsam und pointiert begleitet«.
Christa Wolf wird uns allen im literarischen Leben sehr fehlen, der kritische Geist der Bürgerrechtlerin und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen wird uns aber weiter begleiten und uns zur Wachsamkeit im Sinne ihres großartigen Werkes mahnen.

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